Finnland: In der Einsamkeit regenerieren

Über Neujahr 2016 auf 2017 sind wir (Lena, Judith, Maxl, Hivo und ich) für 6 Tage in ein Mökki an einem großen See in der Mitte von Finnland gefahren. Da die Zeit dort so unglaublich erholsam war, haben wir das selbe 2017/2018 nochmal gemacht (diesmal Lena, Bine, Daniel und ich). Beim 2ten mal war es kein bisschen anders - trotz anderer Leute, anderem Wetter, etc. Aber warum?

Nordlichter Finnland
Zum ersten Mal Norldichter sehen: Einfach magisch!

Grund 1: Abgeschiedenheit

Unsere Unterkunft liegt in der Nähe von Hirvensalmi (das ist ca. 250km nördlich von Helsinki) auf einer Landzunge direkt am See "Tuukkalanlathi". Die Unterkunft besteht aus 3 Mökkis (=finnische Holzhäuser) und 2 Holzschuppen mit Grill, Feuerstelle, usw.

Im Hauptmökki sind 3-4 Schlafpläze, die Küche, das Wohn-/Esszimmer und allgemein der Hauptaufenthaltsort.

Das Gästemökki hat nochmal 3 Schlafplätze, haben wir aber nie verwendet. Im Saunamökki gibt es natürlich die Sauna, "Dusche" (einfach nur eine Wassertonne mit Eimerchen) und nochmal einen Schlafplatz für 2.

Mökki Finnland

Die Mökkis sind komplett umgeben von einem dichten Wald, der jeglichen Straßenlärm verschluckt. Der nächste größe Ort mit Supermarkt ist in Hirvensalmi, der ist ca. 25km entfernt - aber 40 Minuten Autofahrt. Um uns herum gibt es auch Nachbarn, aber die gehen im Winter in der Regel nicht zu ihren Mökkis.

Man ist also komplett alleine, befindet sich auf einer kleinen Landzunge direkt am See um einen herum keine Menschenseele und keine lärmenden Maschinen (auch keine Flugzeuge). Diese Abgeschiedenheit erlebt man nur noch selten. Selbst in den Alpen hört man fast immer Motorenlärm von Autos oder Flugzeugen.

Grund 2: Der kurze Tag, die Düsternis und lange Dunkelheit

Im Winter geht die Sonne irgendwann zwischen 9 und 10 auf und verabschiedet sich schon wieder gegen 16 Uhr. Dabei steigt die Sonne kaum hoch auf den Horizont sondern hängt ganz tief:

Sonne in Finnland
Im Winter steigt die Sonne kaum höher, dafür werden die Schatten länger

Ob die Sonne überhaupt rauskommt, ist eher ungewiss. 2017/2018 hat sich die Sonne kein einziges mal blicken lassen, es war durchwegs bewölkt und hat viel geregnet. Ohne Sonne ist es den ganzen Tag düster und wird nie richtig hell. Der Körper passt sich sofort an den neuen Rythmus - kurzer Tag/lange Nacht - an. Normalerweise wache ich spätestens um 7 Uhr auf in Deutschland. In Finnland bei ähnlichen Zubettgehzeiten habe ich keine Probleme auch bis 9 oder 10 Uhr zu schlafen - also wirklich schlafen, nicht nur vor mich hindösen.

Die Erholung scheint generell unabhängig vom Wetter zu sein: Im ersten Jahr hatten wir bis zu -18°C, viel Sonne, kaum Schneefall/Regen. Im zweiten Jahr hatten wir 0 bis +5°C, sehr viel Regen, gar keine Sonne. Das schlechte Wetter hat aber weder der eigenen Stimmung oder der Stimmung in der Gruppe geschadet. Das schlechte Wetter hat einfach überhaupt keinen Einfluss.

Lange Schatten bei Mittagssonne
Mit dem Eisschlitten in die Nachmittagssonne fahren :)

Grund 3: Das Notwendige muss erledigt werden

Aufgrund von Kälte und Abgeschiedenheit stehen viele Notwendigkeiten nicht so selbstverständlich zur Verfügung, wie man das von zu Hause kennt. Im Winter gibt es kein fließend Wasser, es gibt keine Heizungen außer Kachelöfen, der nächste Supermarkt ist eine größere Ausfahrt...

Wasser holen & "Dusche" mit Wasser füllen

Im Winter werden fällt die Temperatur gerne auf -20°C und tiefer, weswegen die Wasserleitungen trockengelegt werden. Der See vor der Haustür ist sauber und hat Trinkwasserqualität. Das Wasser muss daher in verschiedene Kanister gepumpt werden. Zusätzlich müssen zwei große Wassertonnen im Saunamökki gefüllt werden. Eine Tonne gibt später das Warm- die andere das Kaltwasser für Dusche und Saunagänge. Gepumpt wird am Ufer beim Saunamökki. Die Kanister werden ins Hauptmökki gebracht.

Falls der See zugefroren ist, muss man mit einem Eisbohrer ein Loch bohren, um ans Wasser zu kommen. Nach einer kurzen Zeit ist das auch schon wieder zugefroren, daher jedes mal neu bohren. Ist er richtig tief zugefroren, hilft nur der Eispickel und das Loch wird reingehackt. Klingt nach Spaß, ist es auch. Das ganze muss aber auch bei -20°C oder Regen so gemacht werden, da wird einem dann sehr schnell sehr kalt.

Eisbohrer Löcher bohren
Markus versucht mit dem Bohrer durch die über 30cm dicke Eisschicht zu kommen...

Ganz viel Feuer machen 

Ist das Wasser geholt, wird eingeizt. Das geht über diverse Kachelöfen. Bedeutet: Holz holen, ggf. Holz hacken, Rinde von den Hozlscheiten schälen (Birkenrinde ist der ideale Anzünder), Holz im Kamin schichten, Feuer anzünden, mit der Lüftung spielen, langsam Holz nachlegen bis das Feuer richtig brennt. Das ganze muss einmal im Hauptmökki, zweimal im Saunamökki (Warmwassertonne und die Sauna selbst) gemacht werden. Und immer daran denken Holz nachzulegen und die Feuer nicht ausgehen zu lassen.

Einkaufen fahren

In der Praxis hat sich gezeigt, dass wir spätestens alle 2 Tage zum Einkaufen fahren müssen. Das ist ein etwa 2h Ausflug um Nahrungsmittel und natürlich Bier zu besorgen. Auch das sollte halbwegs organisiert sein, da man nicht eben mal die vergessene Butter beim Supermarkt holen kann, sondern dann wieder über eine Stunde Fahrt vor sich hat.

Genagelter Lachs
Genagelter Lachs: Frischer Lachs auf ein Brett genagelt wird über offener Flamme gegrillt - Saftig und lecker!

Preislich gesehen ist Finnland nicht so teuer wie man immer denkt. Wer lokale bzw. europäische Produkte kauft, kommt teils günstiger weg als in Deutschland (z.B. 1kg Kartoffeln kosten 1-2€). Bei Alkohol oder exotischen Früchten (Avocado...) muss man dafür tiefer in den Geldbeutel greifen. Bier ist in Ordnung. Man zahlt 1-2€ für eine 0,33l Dose. Das Bier schmeckt hier richtig lecker!

Essen kochen und überhaupt essen

Da man sehr spät in den Tag startet und es dauert bis alle wach sind, gibt es meistens erst sehr spät ein ausgiebiges Frühstück (gegen 11/12Uhr). Am frühen Nachmittag gibt es eine Snackrunde (Eis, Ofenkäse, etc.) und am späten Nachmittag dann ein kleines Mittagessen. Zu später Stunde (ab 21 Uhr rum?) gibt es erst Abendessen. Natürlich lassen wir es uns immer sehr gut gehen und kochen reichlich. Mit den ganzen Mahlzeiten (die Snacks zwischendurch sind da noch gar nicht dabei) fühlt man sich dann etwas wie ein Hobbit.

Grund 4: Gemeinsam für sich sein

Die Überschrift mag unlogisch sein, aber sie trifft zu: Man sitzt gemeinsam auf der Couch und jeder ist mit sich selbst beschäftigt: Lesen, Holz hacken, Schlafen, Stricken, Schnitzen Schreiben, Spazieren gehen, Musik hören, nichts tun. Früher - bevor Smartphone, Internet, Computer die Welt erobert haben - gab es noch eine Zeit, als man genau das zu Hause getan. Heutzutage wird das weniger und weniger, je mehr die Medien in den Alltag integriert werden, umso weniger Zeit nutzt man für sich selbst. Das geschieht ganz schleichend, man merkt es nur, wenn man gezielt darauf achtet. Traurig, oder?

Schnitzen in Finnland
Bei stiller Arbeit den Alltag vergessen: Max beim Löffel schnitzen

Dank Abschaffung der Roaming-Gebühren in der EU hatten wir dort bestes Netzt mit 4G. Das Verlangen auf Handy zu schauen geht aber - auch ganz voll eine - zurück. Selbst die anderen haben die Handynutzung zurückgeschraubt. Das schöne beim stillen Arbeiten ist ja, dass man zwar beschäftigt ist, der Kopf aber nicht sonderlich gefordert wird. Daher kann man seine Gedanken ordnen, sie treiben lassen oder ganz runterfahren. Im Alltag ist das nur bewusst und gezielt machbar (Meditation, Yoga, etc.), da man vom allgegenwärtigen Beruf immer schwieriger Abstand gewinnen kann.

Grund 5: Gemeinsam zusammen sein

Sollte selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht mehr. Neben der Zeit für sich, nutzt man die Zeit um gemeinsam aktiv zu sein. Man spielt Brett- und Kartenspiele (Tac...), geht zusammen spazieren, macht einen Ausflug, kocht gemeinsam, schürt das Lagerfeuer an, holt Wasser, spült ab, geht einkaufen... alles in der ganzen oder einem Teil der Gruppe. Das Schöne ist, dass man sich tatsächlich auf diese Tätigkeit fokussiert und einfach "da" ist, weil es keinerlei Ablenkung gibt. Stundenlanges Brett spielen macht man mittlerweile so selten, lieber schaut man eine Serie, geht ins Kino oder lässt sich sonst wie von außen beschallen.

Spiele spielen
Spiele spielen, auch wenn es dem ein oder anderem nicht ganz passt...

Grund 6: Gemütlichkeit leben

Die Deutsche Sprache ist bekannt dafür, dass sie für alles ein Wort hat. Gemütlichkeit ist aber ein derartig wichtiger und grundästzlicher Gemütszustand, dass ich nicht verstehe, dass er in keiner anderen Sprache existiert. Wikipedia definiert Gemütlichkeit so:

Gemützlichkeit ist ein subjektiv empfundener Gemütszustand des Wohlbefindens, ausgelöst durch subjektiv determinierte materielle Verstärker und/oder Situationen. [Quelle: Wikipedia]

Auf Finnland trifft diese Definition zu 100% zu. Man lässt sich treiben ohne sich zu stressen. Man "gammelt" nicht rum, da man zwingend die Notwendigkeiten (s. oben) erledigen muss. Man hat kein schlechtes Gewissen so wenig zu tun, da man sich genau das vorgenommen hat.

Gemütlichkeit leben
Die totale Ruhe beim erfolglosen Eisfischen in Finnland

Jeder schläft so lange wie er möchte, einen Wecker gibt es nicht. Für Wasser holen und Feuer machen hat man so viel Zeit wie man sich nimmt, es muss nicht bis zu einem gewissen Zeitpunkt erledigt sein. Wenn die Sauna heiß ist, geht man rein und schwitzt und fühlt sich danach unglaublich gut - dabei spielt es keine Rolle ob man jetzt geht oder in 3h. Der Tagesrythmus wird gesteuert von den eigenen Bedürfnissen und Verlangen, es gibt kein "ich muss aber" oder "ich sollte eigentlich". Tu was dich glücklich macht und genieße den Tag!

Fazit

Das Zusammenspiel aller obigen Gründen ist ideal für die Erholung und das Abschalten, um aus dem Alltag auszubrechen, sich auf sich zu fokussieren, den Rest der Welt zu vergessen. Die Zeit steht still, niemand erwartet irgendetwas, niemand wird enttäuscht, jeder genießt, dass er dort ist und glücklich wird.

Die meisten werden wohl ein All-Inclusive Hotel am Strand in Thailand als erholsamer und regnerativer sehen, da man sich ja um nichts kümmern muss und alles da hat. Dem ist aber nicht so: Bei einem All-Inclusive Urlaub wird es schnell langweilig, weswegen man viel unternehmen will. Man hat ein schlechtes Gewissen wenn man nur am Pool liegt und es nicht mal bis zum Meer geschafft hat. Man fühlt sich gezwungen irgendwelche Touristenattraktionen zu machen oder anzuschauen, man hat Angst etwas zu verpassen, wenn man nicht das getan hat oder an jenem Ort war. Gerade weil man sich in einem All-Inclusive Urlaub um nichts kümmern muss, wird dieser wieder stressiger.

Gruppenfoto
Gruppenfoto aus dem ersten Urlaub 2016/2017 - Hivo - Lena - Max - Judith (+Lorenz) - Hansi (v.r.n.l.)

Aus einem Urlaub...

  • in dem man selbst die grundlegenden Notwenigkeiten erledigen muss, da man ja keine Wahl hat,
  • in dem überhaupt nichts um einen rum ist, in dem der Tag so kurz ist, dass man sich nur wenig vornehme kann, um das überhaupt erledigen zu können,
  • in dem man wieder lernt sich mit sich selbst zu beschäftigen, seinen Gedanken ordnen kann, träumen kann,
  • in dem das gemeinsame "analoge" Spielen/Unternehmen in den Vordergrund rückt, da keine Alternative vorhanden ist,
  • in dem man ohne schlechtes Gewissen einfach in den Tag hineinleben kann und guten Gewissens nichts tun kann,

...kommt man definitiv komplett erholt zurück. Sämtlicher Stress und alle negativen Gedanken von zu Hause hat man verarbeitet und nicht einfach nur weggeschoben oder ignoriert.

Ich hoffe, dass wir die "Finnland über Silvester"-Kurzurlaube zu einer festen Tradition machen können, denn das waren die ersten und einzigen Urlaube bei denen ich traurig war, wieder nach Hause fahren zu müssen.

Zeitraffer Finnland

Bildergalerie Finnland 2016/2017/2018

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